Das Bild davor - das Bild danach, oder Ikonen stehen nicht für sich allein

Wir bewundern in Ausstellungen und Fotobüchern die Fotografien der 'grossen' Meister und reden dann über das gezeigte Bild gerne von einer 'Ikone'.

Nur zu oft vergessen wir, dass das Bild aus einer Serie von Fotografien auf dem Leuchttisch oder dem 'Contact Sheet' ausgewählt worden ist.

Vielleicht können uns diese Bilder helfen, unsere Arbeit als Fotograf auch anders zu verstehen. Nämlich primär so, dass wir Sammler sind. Sammler die mit 'leerem' Kopf auf einen leeren Film, oder eine leere Speicherkarte fotografieren und danach unser Bild auswählen.

 

ELLIOTT ERWITT: A sweatered Chihuahua, New York City, 1946
ELLIOTT ERWITT: A sweatered Chihuahua, New York City, 1946

Hier, als Anregung und zum Nachdenken, das bekannte Bild von Elliott Erwitt: "A sweatered Chihuahua, New York City, 1946". Es ist ein Bild, das uns verblüfft und uns sofort schmunzeln lässt. Ist es das Spiel mit der Perspektive und den Grössenverhältnissen? Sind wir verwirrt, weil wir uns (anders als der Hund) nicht gewohnt sind, die Welt aus dieser Perspektive zu sehen? 

Sehr rasch kommt auch die Frage auf, wie hat Elliott Erwitt das fotografiert? Eine spontane, logische Antwort wäre: Der Fotograf hat sich für die Aufnahme auf den Boden gelegt! Vielleicht sehen wir nun vor dem 'inneren Auge' den Fotografen, Auge in Auge mit dem Hündchen, am Boden liegend. Das zu Füssen einer, uns doch sehr mächtig erscheinenden, Frau.

Was wir beim Betrachten aber ausklammern ist, dass es wohl auf der Filmrolle ein Bild davor und ein Bild danach gegeben hat.  Zudem gehen wir grundsätzlich einmal davon aus, dass ein Bild genau so fotografiert worden ist, wie wir es sehen. 

Contact Sheet/ELLIOTT ERWITT: A sweatered Chihuahua, New York City, 1946
Contact Sheet/ELLIOTT ERWITT: A sweatered Chihuahua, New York City, 1946

Der Kontaktbogen zeigt: Die Aufnahme wurde mit einer Mittelformat-Kamera aufgenommen. Wahrscheinlich mit einer zweiäugigen Spiegelreflex-Mittelformatkamera (hatte Elliott Erwitt eine Rolleiflex) und nicht, wie der Schnitt vortäuscht, mit einer Kleinbildkamera.

Die Fotostrecke zeigt uns, das Bild ist kein 'Goldener Schuss'. Elliott Erwitt hat eine Unterhaltung von zwei Damen beobachtet und fotografiert (kannte er sie?). Dabei scheint ihm jedenfalls das Hündchen aufgefallen zu sein. Es wurde während des Gespräches auf dem Arm getragen, offensichtlich dewegen, damit es nicht wegrennt (es fehlen das Halsband und die Leine). Zudem scheint, als sei die Frau mit der Brille nicht abgeneigt, dass sie und ihr Schosshündchen fotografiert werden (zweites Bild von links; die Frau präsentiert ihr Tier).

Elliott Erwitt hat geahnt, dass das Hündchen, nachdem die Unterhaltung beendet ist, auf die Strasse gestellt wird. In diesem Moment änderte er die Perspektive. Er suchte weiter die Augenhöhe des Tieres und fotografiert aus dieser Perspektive mehrere Schnappschüsse. Einen davon (den ersten) wählt er aus, beschneidet und vergrössert ihn.

... oder "Che Guevara, 1963 by René Burri"

Dazu sagte Burri später, in einem Interview mit dem 'Tages-Anzeiger' im März 2011: «Ich tanzte drei Stunden um Che Guevara herum»

 

......  

Eins Ihrer berühmtesten Bilder ist ein Schwarz-Weiss-Porträt von Che Guevara.

Es ist wie eine Kugel an meinem Bein. Nein im Ernst. Dieses Foto war natürlich höchst positiv für mich. Aber auch dieses Foto ist aus einem Negativum entstanden. Ich war 1958 von sechs Monaten in Südamerika nach Paris zurückgekehrt. Es hiess, Burri, du fliegst morgen nach Havanna, die Revolution steht bevor, wir haben Kontakt zu den Rebellen. Ich fand jedoch, so schnell passiert da unten nichts, und ging stattdessen mit meiner Familie in der Schweiz Ski fahren. Und prompt habe ich das Wichtigste verpasst. Das hat mich geärgert.

 

Wie sind Sie dennoch zum Foto gekommen?

Zwei Jahre später schickte mich meine Agentur Magnum zusammen mit einer amerikanischen Journalistin nach Kuba. Ich packte sofort meine Koffer, liess meine Familie und geladene Gäste am Silvesterabend zurück und machte mich auf nach Kuba. Weil die Reise aber unglaublich lange dauerte, dachte ich in Havanna, ich hätte wieder alles verpasst. Ein paar Tage später stand ich in Ches Büro und konnte drei Stunden lang um ihn herumtanzen. Ich konnte alle seine Eigenschaften ablichten, Charme, Überzeugungskunst und Wut. Aber kein einziges Mal hat er in die Kamera geschaut.

 

Hier der Link zum Ausschnitt aus der Fernsehsendung Kulturplatz von SF1, welche mich mitunter zu diesen Überlegungen veranlasste. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Werner (Montag, 13 Januar 2014 16:58)

    .... ja und dann ist es eben nicht der eine gelungene "Treffer", sondern es ist oft das Heranarbeiten an das Motiv und das Arbeiten mit dem Motiv. Darüber ließe sich viel erzählen. Schöne Beispiele.
    Lg,
    Werner